Raiß umb das Herzogtum Wirtemberg (#0006)

Raiß umb das Hertzogtum Wirtemberg

Herzog Friedrich I. von Württemberg reitet 1604 die Grenze seines Landes ab


Herzog Friedrich I. (1557- 1608) gehört zu den bedeutenden Regenten Württembergs, obwohl er als Angehöriger der württembergischen Nebenlinie Mömpelgard ursprünglich gar nicht als regierender Herzog vorgesehen war. 1593 nach dem Tod seines Vetters Ludwig an die Macht gekommen, bemühte sich der hochinteligente, vielseitig gebildete Vertreter des Frühabsolutismus um die Förderung von Gewerbe und Handel, Kunst und Wissenschaft. Es gelang ihm, durch friedliche Konfliktlösung sein Land aus kriegerischen Verwicklungen herauszuhalten und sich europaweit hohes Ansehen zu erwerben. Besonders mit Heinrich IV. von Frankreich und Elisabeth I. von England verbanden ihn persönliche Kontakte.


Friedrich konnte zwar sein Herzogtum aus der österreichischen Vorherrschaft   befreien, aber die von ihm erstrebte Landbrücke zwischen Württemberg und der Grafschaft Mömpelgard erreichte er nicht mehr, bevor er 1608 überraschend starb. Stark beeinflusst von merkantilistischen Ideen war er stetig bemüht, sein Fürstentum politisch, militärisch und wirtschaftlich zu stärken und zu entwickeln. Wenn möglich, versuchte Herzog Friedrich, das Land territorial zu erweitern, um ihm mehr politisches Gewicht zu versschaffen. So erwirbt er 1595 das badische Amt Besigheim, 1603 die badischen Ämter Altensteig und Liebenzell, 1595 übernimmt er das Priorat Reichenbach im Murgtal und 1597 pfandweise das straßburgische Amt Oberkirch. Den Grafen von Eberstein kaufte er 1602 ihren Wildbann links von Forbach und Murg ab. Weiterhin erwirbt er die Orte Neidlingen und Plummern neben anderen Ortschaften. Schließlich gelingt es ihm 1599, die österreichische Afterlehenschaft durch Geldzahlungen abzulösen und die Reichsunmittelbarkeit des Herzogtums wiederzuerlangen, dessen Oberhoheit durch die 1520 erfolgte Vertreibung von Herzog Ulrich und die bis 1534 dauernde österreichische Besetzung an Habsburg gefallen war.  


Für seinen Eifer, Einsatz und seine Reiselust ist bezeichnend, dass er vom 15. März bis 14. April 1604 persönlich einen 31- tägigen Ritt um das Herzogtum unternimmt, um dieses und dessen Grenzen genauer zu lernen und sich ein unmittelbares Bild von seinem Zustand zu verschaffen.       Da für ein solches Vorhaben entsprechende Straßen und Wege fehlten, kam nur eine Reise zu Pferd infrage. Sicherlich wollte der Herzog mit seinem Umritt wohl auch Tradition und landesherrlichen Erfolg demonstrieren, was sicher auch Ausfluss seines Willens zur fürstlichen Selbstdarstellung war.

 

Herzogstein bei Mühlacker erinnert an den Grenzumritt von  Herzog Friedrich 1604

 


Die Reisegruppe
Die eigentliche Reisegruppe, die die Grenze abgeritten hat, bestand neben dem Herzog aus nur sechs Personen. Erstaunlich ist, dass nicht einmal ein Feldscher als Begleiter dabei war, der notfalls wundgerittene Körperteile hätte behandeln können. Nach der Reisekostenrechnung haben vor Ort auch „Vorstleute“ die Gruppe begleitet. Als Ortskundige sollten sie wohl in den besuchten Forsten und Huten als Führer dienen, um die entsprechenden Grenzabschnitte rasch und sicher aufsuchen und zeigen zu können.

Als Begleitung gab es noch einen kleinen, berittenen Tross, der wahrscheinlich vom Landesküchenmeister geführt wurde. Er bestand aus dem Leibkutscher mit seiner Kutsche verschiedenen  Knechten zum Führen der Tragpferde. Dieser Tross hat nicht die Grenze mit abgeritten, sondern wurde meist von örtlichen Boten zum nächsten Übernachtungsort geleitet oder, wie es in der Rechnung heißt, „in diese Herberge gesandt“. Über den Ritt um das Herzogtum berichtet der württembergische Baumeister und Kartograph Heinrich Schickhardt (1558- 1635) nur kurz in seinem Inventar. Schickhardt merkt in seiner Inventarnotiz noch an, dass er die Reise „von Marksteinen zu Steinen samt allen angrenzenden Orten“ habe beschreiben müssen. Trotz intensiver Suche konnte dieser ausführliche Bericht bisher leider nicht gefunden werden. Bei der Materialsuche wurde lediglich eine von Georg Gadner  (1522- 1605) verfasste „Beschreibung des Bezirks des gantzen Hertzogthum Württemberg“ ausfindig gemacht, die er eigenhändig mit klarer, sicherer und lesbarer Schrift geschrieben, aber nich datiert und signiert hat. Da aber Gadner bei dem Ort Simmersfeld noch dem markgräflichen Altensteiger Forst spricht, der erst im Vertrag vom 20. Dezember 1603 an Württemberg kam, muss er die Arbeit vor Dezember 1603 abgeschlossen haben. Die Beschreibung sollte wohl zur Vorbereitung des geplanten Umrittes dienen und war als eine Art Reiseplan gedacht. Sie ist wahrscheinlich die letzte bekannte dienstliche Arbeit Gadners, die er im hohen Alter von 80 Jahren erstellt hat. Bei seiner Darstellung bezieht sich Gadner verschiedentlich auf die Bereitung einzelner Forste, die er vor Jahren durchgeführt hat und auf deren damalige Erhebungen er sich nun stützt. In seiner über 50-jährigen Dienstzeit erwarb er sich nämlich in zahlreichen „Augenscheinen“ beachtliche Landes- und Ortskenntnisse, die ihn zur Anfertigung des Reiseplanes besonders befähigten.

Der Umritt
Bei seinem strapaziösen Grenzumritt hatte die Reisegruppe sicher mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Man verirrte sich, zu weilen machten Sümpfe, Geröllfelder oder umgestürzte Bäume ein Weiterkommen zu Pferd unmöglich, zeitraubende Umwege mussten gesucht werden. Denn nur in seltenen Fällen verlief entlang der Grenze ein Fahr- oder Fußweg. Meist führten sie durch unwegsames oder schwer begehbares Gelände, oft mitten durch Wälder, Äcker und Wiesen. Zudem ist der Grenzverlauf kein gerades, übersichtliches Band, sondern oft ein Zickzack sich wild schlängelnde Linie mit Ein- und Ausbuchtungen, zuweilen von einem Bachufer zum anderen und wieder zurückspringend.


Wer sich heute auf die Suche begibt, kann den alten, ausgedienten Grenzverlauf noch immer, wenn auch mit Schwierigkeiten, nachvollziehen. Der Umritt führte entlang solcher Forste, deren Außengrenzen zugleich auch die Landesgrenze bildeten. Dies sind: Stromberger, Neuenstadter, Böhringsweiler, Reichenberger, Schorndorfer, Heidenheimer, Blaubeurer, Uracher, Zwiefalter, St. Georgener, Hornberger, Schiltacher, Alpirsbacher, Baiersbronner, Reichenbacher, Wildbader, Liebenzeller und Leonberger Forst sowie die Ämter Balingen und Tuttlingen. Nicht aufgesucht wurden der  Kirchheimer, Tübinger und Nagolder Forst.


Die Grenzbereisung begann im Stromberger Forst auf dem rechten Ufer der Enz gegenüber von Enzberg (Ortsteil von Mühlacker) an der alten Grenze zwischen Baden und Württemberg. Man hat sich also nichts sklavisch an den Gardnerschen Reiseplan gehalten, der als Beginn den Kniebis im Baiersbronner Forst vorgeschlagen hatte.  

 

Zur Erinnerung an diesen langen Ritt ist am Ausgangsort bei Mühlacker ein etwa 2,4m hoher und 0,7m breiter Gedenkstein, der sog. „Herzogsstein“, errichtet worden, dessen Aufsatz abgebrochen ist. Die Innschrift weist auf den Umritt hin, wo es auf der Vorderseite  heißt:
„ Auff den 15. Martii Anno 1604 hat der Durchleüchtig Hochgeborn Fürst unnd Herr Friedrich Hertzog zu Württemberg und Teckh Gaue zu Mumppelgart Herr zu Heidenheim Ritter beider Königlichen Orden in Franckhreich und Engelland etc. eine Raiß auf der Grenitz umb das gantze Hertzogthum Württemberg bey disem Stain angefangen und den 14. Aprilis gemelts Jhars durch Gottes gnedige hilff wiederumb alda geendet“. Die Seiten links und rechts zeigen das württembergische Wappen. Die Rückseite ist leer und trägt nur unten den Buchstaben B (für Baden) und die Steinnummer N 183, da der Herzogsstein später auch als Landesgrenzstein verwendet wurde. Am ursprünglichen Platz steht heute eine Nachbildung, das Original befindet im Heimatmuseum in Mühlacker.

Grenzweg  Zwieselberg- Kniebis
Zwischen der Siedlung Oberer Zwieselberg und Alexanderschanze verläuft die ehemalige Grenze zwischen Fürstenberg und Württemberg, ab der auf dem Bergrücken des Kniebis gelegenen Alexanderschanze, die zwischen Bistum Straßburg und Württemberg. Die fürstenbergischen und straßburgischen Gebiete fielen 1806 an Baden. Von Oberzwieselberg bis zur ehemaligen Ortschaft badischen  Kniebis verläuft längs der ehemaligen Grenzen ein Wanderweg, der „Grenzweg“. Vom badischen Ort Kniebis bis zur Alexanderschanze zieht die Grenze südlich der Bundesstraße 28 im Wald, um dann zur Zuflucht weiterzuführen. Wir beginnen unseren Grenzbegang im Oberen Zwieselberg beim nördlich der Freudenstädter Straße befindlichen Wasserbehälter. Auf der ersten Strecke des nordwestlich verlaufenden Grenzweges finden sich sechs Steine, die im 19. Jahrhundert gesetzt wurden und forstgeschichtlich ohne Interesse sind. Etwa 700 Meter vom Wasserbehälter entfernt steht beim Zwieselbergberger Eck als siebter Stein der Grenzstein Nr. 255, ein stattlicher, etwa 95 Zentimeter hoher Stein, der 1669 gesetzt wurde. Daneben befindet sich eine Erläuterungstafel sowie der kleine Stein eines trigonometrischen Punktes. Ein fähiger Steinmetz hat dieses markante, künstlerisch wertvolle Grenzzeichen geschaffen, das auch als „Herrlichkeitsstein“ oder „Hoher Stein“ bekannt ist.

 

Seine Westseite zeigt oben die Buchstaben M-F-G-Z-F, die für Maximilian Franz Graf zu Fürstenberg stehen. Darunter kommt der badische Schild mit dem Schrägbalken. Das fürstenbergische Wappen wurde, als das Gebiet an Baden fiel, säuberlich ausgehauen, nur die Wolkenumrandung des Wappens verrät noch den alten Schild. Die Rückseite zeigt oben die Initialen E-H-Z-W, den Namen von Herzog Eberhard III. zu Württemberg (1633- 1674). Der Volksmund hat aber diese Buchstaben anders übersetzt, nämlich: „Er Hat Zwei Weiber“! Darunter ist der bekannte vierteilige Schild von Württemberg kunstvoll eingemeißelt, gefolgt von der Jahreszahl 1669. Der Schild zeigt heraldisch oben rechts die drei württembergischen Hirschstangen, oben links die Rauten von Teck. Darunter folgt unten rechts die Reichssturmfahne mit dem Adler. Sie versinnbildlich das Recht des „Vortritts“ der Schwaben und das dem Haus Württemberg seit dem 14. Jahrh. zustehende „Reichs- Banner Amt“. Unter Vortritt ist die hohe Ehre des Vorstreiters gemeint, nämlich im Reichsheer die vorderste Reihe zu bilden.

Unten links folgen die Fische (Barben) der Grafschaft Mömpelgard. An der nördlichen Schmalseite wurde, wohl um alle Zweifel zu beseitigen, nochmals das badische Wappen eingehauen. Darunter stehen die Buchstaben FF für Fürstentum Fürstenberg. Die Innschrift auf der anderen Schmalseite ist jünger, sie bestehen aus den Buchstaben KR für Kommune Reinerzau und der Jahreszahl 1861. Eine Besonderheit in der Steinreihe stellt der Stein  Nr. 55 von 1669 dar, der sich südöstlich des ehemaligen Ortes badischer Kniebis beim Auerhahnköpfle befindet. An seiner Südseite zeigt er nämlich das unversehrte alte, etwas vereinfachte Fürstenberger Wappen, den Adler umrahmt von einem Wolkenfries. Es ist das einzige an der ehemaligen Landesgrenze gefundene fürstenbergische Wappen, das nicht ausgehauen wurde. Unter dem Wappenschild steht die Zahl 55, die Nummer des Steines. An der Westseite findet sich ein kleineres badisches Wappen mit den darunter eingehauenen Buchstaben FF, auf der Nordseite die Zahl 32, die Nummer des Steines. Die Ostseite ist wiederum wie Stein Nr. 255 kunstvoll gestaltet mit den herzoglichen Initialen und dem vierteiligen württembergischen Schild.

Grenzweg Kniebis, Zuflucht- Schliffkopf
Wir setzen unseren Grenzbegehung fort und beginnen nordwestlich des Ortsteils badischen Kniebis, wo die Eichelbachstraße von der Bundesstraße 28 nach Süden abgeht. Von hier bis zur Alexanderschanze stehen sechs alte Grenzsteine, wovon fünf im Jahr 1669 und einer im Jahr 1673 gesetzt wurden. Die übrigen Steine stammen alle aus dem 19. Jahrhundert. Die fünf Grenzsteine von 1669 sind alle gleich gestaltet. Die Nordseite trägt den Buchstaben W, darunter das württembergische Schild mit den drei querliegenden Hirschstangen, die Ostseite enthält die Steinnummer, die Südseite den badischen Wappenschild, die Westseite die Jahreszahl. Deutlich zu erkennen ist an allen Steinen, dass das dort zuvor befindliche fürstenbergische Wappen ausgehauen und das badische Wappen eingemeißelt wurde. Etwa 150 Meter südwestlich des Gasthauses Alexanderschanze steht unmittelbar südlich der Bundesstraße 28 beim dortigen Kreisstein der Grenzstein Nr. 62 von 1673. An seiner Ostseite findet sich unter den zuvor besprochenen herzoglichen Initialen EHZW das von dem Steinmetz sehr schön ausgearbeitete vierteilig Schild.


Auf der Nordseite steht die Jahreszahl 1673 über einem angewitterten badischen Wappenschild, auf der Westseite ist das badische Wappen später eingehauen worden, die Südseite zeigt die Steinnummer 62.


Der nächste markante Grenzstein steht auf dem Waldparkplatz bei der ehemaligen Jugendherberge Zuflucht nördlich der Landstraße nach Oppenau. Der schön gearbeitete Stein markiert die Grenze zwischen dem Herzogtum Württemberg und dem Bistum Straßburg. Er wurde 1673 gesetzt, neun Jahre nachdem die württembergische Pfandherrschaft über das, das rench- und Achertal umfassende, straßburgische Amt Oberkirch geendet hatte. Zu der Steinsetzung von 1673 kam es wahrscheinlich, weil Württemberg unter Herzog Eberhard III. und Straßburg unter dem Kardinal Franz Egon von Fürstenberg an diesem wichtigen Schwarzwaldpass ihre Grenzen nach Ablauf der Pfandschaft fest und dauerhaft bezeichnen wollen. Der Stein trägt an seiner Westseite oben die Buchstaben HSSB, was Hochstift-Straßburger-Bistum bedeutet.


Dann folgt das badische Wappen, darunter die  Jahreszahl 1673 mit der Steinnummer 84. Der Schild zeigt barocke Formen und läuft nach unten spitz aus. Es ist offensichtlich, dass die Straßburger Embleme ausgehauen und durch den badischen Schrägbalken ersetzt wurden. Die Ostseite zeigt die bekannten Buchstaben EHZW, darunter den kunstvoll gearbeiteten vierteiligen Schild von Württemberg mit der Jahreszahl 1673. Auf der Kopfseite bricht die Kerbe der Grenzlinie fast im rechten Winkel von Nordwesten nach Nordosten ab. Von der Zuflucht führt die Grenze dann auf dem westlichen Kamm des Höhenzuges weiter zu „den Meyerlen“, wahrscheinlich einem beim Schliffkopf gelegenen Meierhof. Am Rossbühl gelangen wir zur alten Kniebisstrasse, die als „Noppenauer Steig“ jäh und kniebrecherisch ins Tal nach Allerheiligen ging. Dort stand ein Grenzstein und gleich daneben, auf bischöflich straßburgischem Boden, ein großes Kreuz aus Stein. Seitdem wir von ihm hören, heißt es „Das Steinin Kreuz“. 1675 ist es nicht mehr dort gewesen. Aber schon in der Waldgedingsverkündung, „Anno 1433 renoviert“, wie es im Freudenstädter Lagerbuch heißt, wird es als einer der Endpunkte der „Weitreichin und Gerechtsamj“ des Vogtes von Dornstetten erwähnt. Gadner und Ötinger haben es beide eingezeichnet, ersterer mit der Beifügung:  1555. Dies bedeutet wohl, dass es in diesem Jahre erneuert wurde, nachdem 1554 ein behördlicher Grenzumgang durch bischöflich straßburgische und württembergische Beamte stattgefunden hatte.
Hinterm Schliffkopf  liegt der Ort, welcher „Steinmäuerle“ heißt. Dass wirklich einst ein eigentümliches Mäuerlein dort gewesen sein muss, das beweisen mehrere Landkarten. 1593 hat Gadner das Mäuerlein links der Grenze, quer darauf gerichtet, vermerkt; 1608 hat Ötinger es ebenso, aber rechts der Grenze verewigt. Stebenhaber auf seiner wertvollen Karte von 1675 hat es besonders deutlich abgebildet, so dass wir am rechtsseitigen Ende sogar einen Durchgang erkennen. Die Bedeutung dieser Mauer auf der Grenze gegen Allerheiligen ist noch nicht geklärt.
Geht man weiter zum Vogelskopf über „des Kaysers Steiglein“ hinab zum „Ruopstein“ (Ruhestein), so erinnern wir uns der Sage, dass Kaiser Karl der Dicke auf der Flucht vor seinen Gegnern von Leuten aus dem Baiersbronner Tal hierher geleitet worden sei und, rückwärts schauend, gesagt haben soll; soweit man schauen könne, das alles soll zu Bayersbrunn gehören; eine ganz hübsche, wenn auch nicht haltbare Erklärungen für den ungewöhnlich großen Umfang der Baiersbronner Gemeindemarkung.

Weiterhin der Grenze folgend, kommen wir zum allbekannten Ruhestein. Der heute mit neuen Grenzpfählen gezierte Punkt ist eine uralte Grenzscheide, wo jahrhundertelang nur ein Saumpfad vorüberführte. Der auffallende Stein ist auf alten Karten mehrfach abgebildet und „Ruopstein“ genannt. In alten Beschreibungen heißt er dagegen öfters „Ruogstein“. Dies erklärt sich daraus, dass man im Kappeler Tal noch heute „ruoge“ für „ruhen“ sagt. Der Stein hat vielen als Abstellplatz ihrer Last auf dem beschwerlichen Gang von Tal zu Tal gedient,  aber auch manchen Schmuggler vorüberschleichen sehen, der dem Zoller auf dem Kniebis ein Schnippchen schlug.

 

Von hier geht es weiter hinauf auf den Schwarzkopf der dem Wanderer in weitem Umkreis der Gebirge und Täler, suchend das Straßburger Münster oder die ferne Kette der Alpen Ausschau hält.

 

Viel seltener dürfte ein Wanderer sich den „Fürstenstein“ zum Rastplatz wählen, der obschon kein Grenzzeichen, hier dennoch in Erinnerung gebracht werden mag. Er ist zu finden, wenn man übers Eckle, der Grenze nach, auf dem Schwarzkopf gelangt ist und am Grenzstein       Nr. 71 etwa vierzig Schritte auf der württembergischen Seite geradezu in den Wald hinein geht. Dort liegt mitten unter anderen vermoosten Trümmern ein abgeschrägter Sandsteinblock, worauf in erhabener Arbeit das altwürttembergische  Wappen ausgemeißelt ist, mit der Inschrift: F.H.Z.W. und der Jahreszahl 1605. Genauso hat ihn der Landesgeometer Öttinger zierlich auf seiner Karte vom Freudenstädter und Baiersbronner Forst (1608) dargestellt.

 

Setzt man sich auf das Wappen, so stemmt man ganz von selbst die Füße gegen einen im Boden steckenden Gesteinssplitter, der einen natürlichen Schemel bildet. Die Vermutung liegt nahe , dass Herzog Friedrich hier gesessen und gevespert hat,  als er seinen merkwürdigen Ritt entlang der Grenze seines Landes machte, wobei ihm die nächste Umgebung seines Hofes, schwitzend und heimlich schimpfend, über Stock  und Stein folgen musst

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Fürstenstein auf dem Schwarzkopf         

 

                       
Die Grenzlinie auf der „Horngrint“  (Hornisgrinde) weist heute noch alte interessante Grenzzeichen auf, die urkundlich nachzuweisen oder auf älteren Karten der Gegend zu erkennen sind.

 

Der nordwestlichste Punkt des Forstes Freudenstadt ist zugleich der nordwestlichste des Landes Württemberg, überdies die höchste Erhebung Württembergs. Es ist dies der „Dreimarkstein“ am Kieneck bei der Hornisgrinde (1151). Gelegentlich heißt dieser Punkt „der Dreilach“, früher häufiger „die Dreilauf“. Dreilach ist wohl echter, da es bedeutet: Drei Lachen, d. h. drei Grenzzeichen. Dieser Dreimarkstein sucht weit und breit an uralter geschichtlicher Bedeutung seinesgleichen.

 

Es ist die große Felsplatte am Weg vom Eckle herauf, die wohl jedem Sommergast auf der Hornisgrinde bekannt ist, schon um der herrlichen  Aussicht wegen, die man dort in die Rheinebene hat. Auf der Felsplatte sieht man drei Wappen und die Jahreszahl 1722. Die Wappen sind:  Württemberg, Baden, Bistum Straßburg.

 

Aber dieser Punkt hat nicht nur diese neuzeitliche Bedeutung. Wer dort steht, kann sich im Geiste noch ganz anders einstellen. Es gibt wohl kaum einen so vielseitigen Grenzpunkt in unserem in dieser Hinsicht so überaus vielseitigen deutschen Vaterland.

 

Hier war vor allem die Grenze der beiden Stämme der Franken und Schwaben,  die ihrer Herzogtümer. Hier stießen drei Gaue an einander der Ufgau, die Mortenau, der Nagoldgau. Drei Bistümer schied diese Steinplatte: Speier, Straßburg und Konstanz. Als dann aus den alten Herzogtümer die Territorien der Reichstädte entstanden waren, meißelt der Steinmetz die Wappen dreier Fürsten des Reiches in den Stein: das des Bischofs von Straßburg, das des Grafen von Eberstein und das des Herrn zu Württemberg. Auch ihre drei Forste grenzten hier aneinander. Im Wandel der Zeiten trat Baden an die Stelle von Eberstein; und so ist der Dreimarkstein geblieben, wennschon er seit mehr als hundert Jahren nur noch zwei Länder scheidet.

 

Da der Herzog den Höhenkamm zwischen Kniebis und Hornisgrinde früh im April abritt, hatte die herzogliche Reitergruppe mit einiger Sicherheit mit Schnee zu kämpfen.

Dank des Hinweises des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach ergab sich, dass die Auswertung alter Chroniken am 5. April 1604 in Basel etwa 50-60 cm Schnee gefallen sind. Daraus kann man schließen, dass die Reitergruppe auf dem Schwarzwaldkamm  mit Schnee zu kämpfen hatte. Warum der Grenzumritt im März/April stattfand und nicht in den Sommermonaten, bleibt bis heute ungeklärt.

 

Vom Closter- Reichenbach geht es am 10. April 1604 weiter über Gersbach (Gernsbach), Closter Hernalb (Herrenalb), Neuenbürg gehen Reichenbach (Unterreichenbach).

 

Am 14. April schließlich, dem letzten Tag des Grenzumrittes, zieht man von Friolzheim nach „Haymertingen“ (Heimerdingen), nördlich von Leonberg, wo die Mittagszehrung durch den „Untervogt zue leuverberg“ übernommen wird.

 

Damit enden die Aufzeichnungen der Reisekostenrechnung. Unsere Reisegruppe ist dann wohl über Ditzingen, Weilimdorf, Feuerbach wohlbehalten wieder in Stuttgart zurückgekehrt. Der Grenzumritt von Herzog Friedrich ist eine beachtliche körperliche wie organisatorische Leistung, die heute noch unseren vollen Respekt verdient. In 31 Tagen, davon 24 Reit- und sieben Ruhetage, hat man nach Schickhardt „etwas wenigs iber ein Hundert teutscher meiil wegs gehabt“, was eine Strecke von etwa 750 km entspricht.  Der tatsächlich zurückgelegte Weg dürfte in Wirklichkeit aber noch länger gewesen sein, vor allem wenn man den gewundenen Grenzverlauf und die notwendigen Umwege mit einbezieht. Die von mir grob gemessene Reitstrecke beträgt rund 850 km, was einer durchschnittlichen Tagesstrecke von 35 km entspricht.
Schickhardt schreibt abschließend in seinem Bericht, es war eine solche „mieselige und gantz beschwerliche Raiß, da wir iber Berg und Thal, nit vil den Wegen nach raisen miessen“. Anerkennend stellt er fest: „es würt sich wol kein Fürst fünden, welcher in der Person eine solche beschwerliche Raiß für genommen“. Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.


W. Hug
Kloster- und Heimatgeschichtsverein Kniebis


Benützte Literatur:
-Aus der Waldgeschichte des Schwarzwaldes v. Max Scheifele  S. 280- 285
-Raiß umb d. Hertzogtum Wirtemberg v. Max Scheifele  S. 149- 161  
- Infomaterial v. Heimatmuseum Mühlacker
- Alte Grenzzeichen zwischen Zwieselberg und Hornisgrinde v. Prof. Manfred Eimer erschienen im: „Aus dem Schwarzwald“  Jahrgang 1933
- Ötinger und Gardner Karten v.  Landesvermessungsamt Stuttgart
- Fotos v. Grenzsteinen aus eigenem Bestand              

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